Ein Morgen im Strickcafé von Westerum

Am Donnerstagmorgen glänzte das Kopfsteinpflaster in der Lütten Straße noch vom Regen der Nacht.
Elke Möller schloss die Tür des Strickcafés auf, stellte ihre Tasche hinter den Tresen und blieb einen Moment mitten im Raum stehen.
Noch war es ruhig.
Die alten Dielen knarrten unter ihren Schritten. Durch die großen Fenster fiel dieses helle, etwas graue Morgenlicht, das in Nordfriesland nach Regen oft besonders klar wirkte. Draußen fuhr ein Fahrrad vorbei. Irgendwo weiter hinten in der Straße wurde eine Haustür geschlossen.
Elke ging zuerst zur Kaffeemaschine.
Es gab Dinge, über die musste man morgens nicht lange nachdenken.
Kaffee gehörte dazu.
Während die Maschine zu arbeiten begann, stellte sie Tassen auf den großen Tisch am Fenster. Donnerstag war Stricktreff, und spätestens in einer halben Stunde würde von der morgendlichen Ruhe nicht mehr viel übrig sein.
Aus der Küche hörte sie plötzlich die Hintertür.
„Moin, ich bin’s!“
Elke musste nicht nachsehen.
„Kaffee ist gleich fertig.“
Renate erschien im Durchgang, stellte ihre Tasche auf einen Stuhl und zog die Jacke aus.
„Deshalb bin ich gekommen.“
Elke sah zu ihr. „Natürlich.“
Renate grinste und ging zur Kaffeemaschine.
So war das meistens mit der Schnacktür.
Freunde und vertraute Menschen kamen hinten herein, riefen kurz, dass sie da waren, und standen wenig später mitten in der Küche. Im Sommer blieb der obere Teil der alten Tür oft geöffnet. Dann kamen Stimmen aus dem Garten herein, manchmal Möwenrufe aus Richtung Hafen und nach einem Regenschauer der Geruch nach feuchter Erde.
Die Haustür war für Gäste.
Die Schnacktür war für Menschen, die dazugehörten.
Renate nahm die erste fertige Tasse und setzte sich für genau die drei Minuten an den Küchentisch, die Elke ihr zugestand, bevor vorne die Türglocke klingelte.
Frieda Feddersen kam herein.
Unter dem Arm trug sie einen Korb, aus dem ihr dunkelroter Schal ragte.
„Moin.“
Elke sah auf den Schal. „Hast du weitergestrickt?“
Frieda zog ihre Jacke aus. „Natürlich.“
Renate erschien mit ihrer Tasse aus der Küche.
„Und?“
Frieda hielt kurz inne.
„Was und?“
„Stimmt noch alles?“
Frieda schob ihre Brille höher. „Warum sollte es nicht?“
Elke und Renate wechselten einen Blick.
Frieda sah von einer zur anderen.
„Ihr seid heute beide ausgesprochen freundlich.“
Sie nahm ihren gewohnten Platz am großen Tisch ein und zog den Schal aus dem Korb.
Elke stellte ihr den Kaffee hin.
„Zeig.“
„Der Kaffee ist noch nicht einmal auf dem Tisch.“
„Jetzt schon.“
Frieda seufzte, legte das Strickstück vor Elke und deutete auf die letzten Reihen.
„Hier könnte eventuell etwas sein.“
Elke beugte sich darüber.
„Zwei Maschen.“
„Mehr nicht?“
„Zwei Maschen.“
Frieda lehnte sich zufrieden zurück. „Dann bin ich ja fast richtig.“
Die Türglocke erklang erneut.
Diesmal kam Marlies Thomsen herein.
Die rote Stricktasche hing über ihrer Schulter, und vor ihr schob sich eine kleine Dackeldame durch die Tür, als hätte sie persönlich einen Termin.
„Tiffy, langsam.“
Tiffy dachte offensichtlich nicht daran.
Sie lief direkt zum großen Tisch, schnupperte an Friedas Tasche und setzte ihren Weg zu dem Platz am Fenster fort, an dem Marlies jeden Donnerstag saß.
Elke stellte eine weitere Tasse bereit.
„Du kommst gerade rechtzeitig.“
Marlies stellte ihre Stricktasche neben den Stuhl.
„Für Kaffee komme ich immer rechtzeitig.“
Tiffy hatte sich inzwischen unter ihrem Platz eingerichtet.
Der Hund kannte das Café gut. Sie wusste, wo Marlies saß, wo Frieda ihre Tasche abstellte und bei welchem Tisch gelegentlich die besten Chancen bestanden, dass ein Krümel auf dem Boden landete.
Marlies setzte sich und sah zu Friedas Schal.
„Bist du schon wieder am Aufmachen?“
Frieda zog den Schal ein Stück näher zu sich.
„Zwei Maschen.“
Marlies nickte ernst.
„Katastrophe.“
Elke lachte.
Nach und nach kamen die anderen Frauen.
Wollkörbe wurden auf den Tisch gestellt, Jacken über Stuhllehnen gehängt und Kaffeetassen verteilt. Eine Rundstricknadel fiel klappernd auf die Tischplatte. Jemand erzählte vom neuen Bäcker in der Innenstadt. Eine andere hatte gehört, dass ein Haus am anderen Ende von Westerum verkauft werden sollte.
Ob das stimmte, wusste noch niemand.
Das hinderte allerdings niemanden daran, ausführlich darüber zu sprechen.
Elke stand hinter dem Tresen und hörte mit halbem Ohr zu.
Genau diese Vormittage mochte sie.
Das alte, ein wenig windschiefe Haus in der Lütten Straße war für sie längst mehr als der Ort, an dem sie Kaffee ausschenkte und Wolle verkaufte.
Hier kamen Menschen herein.
Sie blieben.
Sie erzählten.
Manchmal saßen sie nur am Fenster und beobachteten die Straße.
Und manchmal fiel Elke etwas auf.
Ein Satz.
Ein Blick.
Eine kleine Veränderung.
Heute allerdings war alles genau so, wie es sein sollte.
Frieda diskutierte mit Renate über ihren Schal.
Marlies hatte ihre rote Stricktasche neben dem Stuhl stehen.
Tiffy lag darunter und seufzte tief, als wäre das Stimmengewirr der Strickrunde eine persönliche Zumutung.
Der Kaffee duftete durchs Café.
Draußen begann es wieder leicht zu regnen.
Ein ganz normaler Donnerstagmorgen in Westerum.
Noch ahnte niemand, dass solche vertrauten Kleinigkeiten schon bald eine ganz andere Bedeutung bekommen würden.
Westerum weiter entdecken
Westerum ist eine fiktive nordfriesische Kleinstadt – mit dem Strickcafé in der Lütten Straße 13, vertrauten Menschen, kleinen Geschichten und Fällen, bei denen oft gerade die unscheinbaren Dinge wichtig werden. Die Donnerstagsrunde, Marlies, Tiffy, Frieda und Elke gehören schon vor dem ersten Kriminalfall zu dieser Welt.
Wenn du Westerum weiter kennenlernen möchtest:
In der kostenlosen Leseprobe zu „Das Strickcafé von Westerum – Die falsche Masche“ beginnt der erste Fall. Dort lernst du außerdem Elke, Knut, die Schnacktür und weitere Orte in Westerum kennen.
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